ich schwimme ganz allein im selbersee
mein mund geht langsam eine uhr die tickt
ich geh mir nah ich kriege fernweh
und höre wie das paar von oben fickt
zwei kinder spieln verstecken unterm regen
das eine pinkelt und das andre lacht
ich möchte mich zu mir ins hautbett legen
wenn ich nur wüsste wie man sowas macht
der sonntag fängt mich ein wie eine fliege
das fenster zeigt mir staub und altpapier
im radio tort der fußball seine siege
ich sitze da und bin doch gar nicht hier
Irgendwie roch es anders in der Wohnung, als ich an diesem ersten
Dezember die Tür aufschloss. Es roch nach Mann. Das ist ja eigentlich auch
nicht ungewöhnlich, denn wir sind eine Drei-Frauen WG, und solche bringen sich
ja auch mal Männer mit. Und als Gisi sich die Zwillinge angelacht hatte, zwischen
denen sie sich nicht entscheiden konnte und ich noch mit Ansgar zusammen war und
Melanie mit Kurt, haben wir sogar in Schichten frühstücken müssen,
weil sieben nicht um den Küchentisch passten.
Die Tür zum Wohnzimmer war angelehnt und der Geruch... genauer gesagt, der
Duft eines Herrenparfüms kam gerade von dorther und sowohl Melanie als auch
Gisi schienen zu Hause zu sein, denn ich hatte Mellis Zottelpelz und Gisis neue
Wildlederstiefel schon an der Garderobe entdeckt. Ich ging in Richtung Wohnzimmer,
nur mal Hallo sagen- und ein wenig neugierig war ich natürlich auch. Die Tür
war ja (auch) wie gesagt, nur angelehnt, und als ich vorsichtig reinlinste, beschloss
ich, nicht mehr nach Dienstschluss auf den Weihnachtsmarkt zu gehen und vor allem
dort nie, nie mehr Lumumba zu mir zu nehmen. Ich stütze mich vorsichtig an
der Wand ab. Ein Glühwein ... und zweimal dieses Teufelszeug mit Amaretto ...
kein Wunder, dass ich ihn sah! Ich hatte nämlich soeben den Weihnachtsmann
auf unserer IKEA-Couch entdeckt. Ich schloss die Augen und atmetet dreimal so tief
und langsam durch, wie meine engen Jeans es mir erlaubten. Dann öffnete ich
die Augen wieder. Der Weihnachtsmann war immer doch da. Im selben Moment kam Melli
an die Tür. "Das ist er", kicherte sie und zog mich wieder in den Flur hinaus.
"Das ist wer?", fragte ich schließlich. "Mensch, der Weihnachtsmann!", kam
es von Melli zurück. Also hatte ich doch richtig gesehen.
"Der Weihnachtsmann?", fragte ich trotzdem noch einmal nach. "Jaha!", strahlte Melli.
"Unser Weihnachtsmann. Ich habe ihn bei e-bay ersteigert- für unsere WG.."
Ich ließ mich aufs Telefontischchen plumpsen. Aus dem Wohnzimmer drang Gekicher.
"Gisi findet ihn super!", sagte Melli. "Wen?", fragte ich wieder. Melli verdrehte
die Augen. "Mann, Ina, nun frag doch nicht immer so dämlich! Er wurde bei e-bay
angeboten. Vor zwei Wochen schon: tages- und nachtlichttauglicher Weihnachtsmann
mit dicken Sack und großer Rute ... also ... all inclusive, für 400 Euro.
Melli hat 150 dazugeben, weil er ihr so gefällt- und ich find ihn auch schnuckelig,
er kann sogar singen!"
"Aha!", sagte ich matt. Irgendwie lief in diesem Haushalt einiges an mir vorbei.
"Er bleibt bis zum 25. Dezember, eventuell sogar bis zu Silvester. Heute Nacht kommt
er zu mir, und für morgen... tut mir leid, da hat die Gisi ihn schon. Du bist
halt spät dran gewesen (heute)...", sie zwinkerte mir zu und huschte in Richtung
Wohnzimmer davon. Ich folgte ihr, noch immer nicht so ganz begreifend, was sich
hier nun abspielte oder abspielen würde. Seit ein paar Monaten ersteigert Melli
öfter mal was bei e-bay. Bislang waren es aber nur Gegenstände unter einem
Meter gewesen, welche in ihrem Zimmer verschwanden. Im Wohnzimmer saß tatsächlich
der Weihnachtsmann im roten Mantel mit Mütze und Bart auf unserem neuen Gulliban-Möbel.
Er wurde rechts von Melli, links von Gisi eingerahmt. "Tach", sagte ich. Der Weihnachtsmann
erhob sich und hub an: "Direkt von e-bay komm ich her und muss euch sagen, es gefällt
mir hier sehr. Drei schöne Frauen zur Weihnachtszeit, die machen mir das Herze
weit." Dabei lüpfte er schwungvoll seinen Jutesack. Melli und Gisi klatschten
begeistert. "Ist das nicht süß, Ina? Das Verschen hat er bei uns auch
schon aufgesagt...alles im Preis mit drin."
Ich blieb stumm. Ich hatte schon einiges erlebt, Mellis nackten Guru auf dem Wohnzimmerteppich
damals, oder Helmut, den Karatekämpfer, der jeden Morgen unter gräuslichen
Lauten einen Küchenstuhl zu Kleinholz schlug, ehe er drei rohe Steaks zum Frühstück
verschlang. ..aber das ....Gisi deutete mein Schweigen falsch. Sie kam auf mich
zu, legte den Arm und meine Schulter und sagte: "Weihnachtsmann, das ist unsere
Ina. Sie freut sich genauso auf dich wie wir beide", und mir flüsterte sie
ins Ohr: "Sei doch bitte nicht sauer, dass Melli ihn für heute Abend gekriegt
hat. Sie hat schließlich das meiste bezahlt. Ich finde übrigens, dass
du auch was zugeben solltest." Das reichte mir nun erst mal. Es war kurz vor Weihnachten
und ich war ziemlich pleite. Ich war gerne bereit, was für die Weihnachtsgans
oder den Tannenbaum zu geben, aber hier hörte mein Spaß entschieden auf.
Ich erhob mich schwungvoll und schritt hinaus. "Du musst doch nicht gleich zahlen,
morgen reicht auch..", rief Gisi mir nach. Ich aber stolzierte in mein Zimmer und
knallte die Tür hinter mir zu.
Am nächsten Morgen war mein freier Tag. In der Nacht hatte ich nichts weiter
gehört, und als ich gegen neun Uhr in Richtung Küche marschierte, noch
in Bademantel und Pantoffeln, warf mich der Anblick des Kaffee trinkenden Weihnachtsmanns
beinahe aus den letzteren. Der aber lächelte schüchtern und stand auf.
Bitte nicht wieder ein Gedicht, dachte ich, aber er sagte nur:
"Ich geh jetzt. Tagsüber arbeite ich in der Luisenpassage auf dem Weihnachtsmarkt.
Den Wasserhahn im Bad habe ich repariert, aber er müsste doch mal eine neue
Dichtung haben." Damit erhob er sich und stellte sein Geschirr in die Spülmaschine.
Wenig später hörte ich die Wohnungstür klappen. Ich hatte mich mit
meiner Mutter in der Stadt verabredet. Mutti hatte noch ein paar dringende Weihnachtseinkäufe
zu erledigen, bei denen ich ihr mit Rat und Tat zur Seite stehen sollte. Ich kehrte
also am späten Nachmittag in unser Heim zurück. Eine Nachricht auf dem
Anrufbeantworter erwartete mich. Es war Gitti. "Ina, warte nicht auf uns, wir sind
heute Abend mit dem Weihnachtsmann bowlen und dann noch in Hemmes Lokal. Tschau."
Da ich am nächsten Tag Frühdienst hatte, legte ich mich zeitiger als sonst
ins Bett, wurde jedoch weit nach Mitternacht durch dreistimmiges "Oh- du -fröhliche-
Geschmettere" geweckt. Als ich am nächsten Morgen gegen vier durch den Flur
schlich, schlief natürlich noch alles. Die Weihnachtsmannsmütze hing an
Gittis Türklinke. Aha, dachte ich nur. Am Nachmittag fand ich den Weihnachtsmann
in der Küche sitzen. Er hatte seine Mütze abgenommen und trug ein Haarnetz
darunter. Auch den weißen Bart hatte er abmontiert. Seine Füße
steckten in unserer blauen Plastikschüssel im Seifenwasser.
Ich ließ mich auf einen Küchenstuhl fallen. "Entschuldigung", stammelte
der Weihnachtsmann. "Ich wusste nicht, dass eine von euch so früh nach Hause
kommt .. aber ich hab ja so Blasen an den Füßen und ich dieser Bart ...der
juckt. Bitte, erzählen sie ihren Freundinnen nichts davon, ja? Wie sie mich
hier angetroffen haben, meine ich."
"Keine Angst", sagte ich. "Es ist nämlich so", fuhr er fort, "wir wollen heute
Abend wieder los, und da ... irgendwann muss ich mich doch auch mal ausruhen!"
"Die beiden sind wohl ganz schön anstrengend?", fragte ich und konnte mir ein
Grinsen nicht verkneifen. Der Weihnachtsmann seufzte leise. "Ach, halb so wild.
aber - nun ja, sie wollen natürlich auf ihre Kosten kommen!"
Das konnte ich mir lebhaft vorstellen. Der Weihnachtsmann und ich waren bald in
eine muntere Diskussion vertieft. Ich erneuerte zweimal das Wasser und holte noch
ein Fußbadepulver. Denn seine Füße sahen echt schlimm aus. Voller
Blasen und Schwielen. An den Hacken aufgescheuert und blutig. So ohne Bart und Mütze
sah er übrigens gar nicht schlecht aus. Ich bat ihn, das Haarnetz doch auch
mal abzusetzen. Er hatte dunkle Löckchen. Und- Hunger! Gitti und Melli hatten
ihn natürlich überhaupt nicht gut verpflegt. Ich briet ihm erst mal drei
Eier auf Speck und riet ihm dann, sich ein wenig hinzulegen. Er blickte auf seine
Uhr. "Großer Gott", rief er erschrocken aus ... "Es ist schon halb fünf
... die beiden kommen bald zurück." Hektisch fummelte er sich das Netz auf
und ich goss das Wasser in den Ausguss. Der Arme tat mir nun wirklich leid. Er hatte
wunderbare braune Augen und ein Grübchen in jedem Mundwinkel. Er hatte mir
erzählt, dass er gerade eine Fortbildung absolviert habe und in seinem neuen
Job erst im Januar anfangen könne. Solange müsse er sich mit der Weihnachtsmanntätigkeit
über Wasser halten. "Bis zum 24. halte ich es vielleicht noch durch", sagte
er matt. "Aber dann..."
Ich versprach ihm, nachzudenken und das tat ich. Er legte sich erstmal in mein Zimmer
zum Schlafen. Als Gitti und Melli nach Haus kamen, legte ich einen 100- Euroschein
auf den Küchentisch. "Er ist bei mir", sagte ich nur kühl. Melli und Gitti
sahen sich grinsend an. "Wussten wir doch, das du früher oder später auf
den Geschmack kommen würdest", freute Melanie sich und strich das Geld ein.
"Ich hätte ihn dann gerne an den Donnerstagen, da hab ich bis Weihnachten frei",
sagte ich locker.
Mein Plan war gereift. An den Donnerstagen ruhte Rudi, so war sein wirklicher Name,
sich bei mir aus. Er kühlte die Füße und auch noch einiges anderes,
was es zu kühlen gab und schlief wie ein Stein auf meinem Ausklappsofa, derweil
ich seinen Schlaf vom Hochbett aus bewachte. Ich fütterte ihn mit Erdbeeren,
kochte ihm starken Kaffee und während der Fußbäder unterhielten
wir uns. Wir hatten ähnliche Hobbys, lachten über die gleichen Witze und
ich fand immer mehr Gefallen an diesem seltsamen Weihnachtswunder. Am 24. legten
sowohl Gitti als auch Melli einen Extra-Hunderter auf den Ikea- Tisch des Hauses-
für Rudi.
"Heute Abend ist er unser ....bis 24 Uhr", sagten sie zu mir, "und wer weiß,
vielleicht verlängern wir ihn dann noch."
Ich verbrachte den Heiligen Abend bei Mama, die über diverse Beschwerden klagte:
Hitzewallungen, Migräne, nervöse Atemnot... da kam mir die Idee. Die Super-Wunder-Waffen-
Idee.
Am nächsten Morgen hing Rudi fast leblos über dem Küchentisch, während
Gitti und Melanie sich einen Prosecco genehmigten. Ich bat beide in mein Zimmer
und machte die Tür fest hinter mir zu.
"Hört mal", sagte ich in geschäftsmäßigem Tonfall. "Habt ihr
schon mal drüber nachgedacht, was mit ihm nun werden soll?"
Gitti grinste. "Wir werden ihn bis zum 31. verlängern", sagte sie. "Wenn du
mitmachen willst, dann beteilige dich. Und du bist automatisch mit von der Partie."
Ich schüttelte den Kopf und langte nach einem Aktenordner, den ich mir auf
meinem Schreibtisch bereitgelegt hatte. "Tut mir leid, Mädels, ich glaube,
draus wird nichts". Gitti und Melli guckten. Ich schlug den Aktenordner auf. "Ich
habe ein wenig recherchiert, im Institut und bei meinem früheren Arbeitgeber
Professor Dr. Dr. Bollwegen. Gitti und Melli guckten irritiert, "Ja", fuhr ich fort.
"Mir ist nämlich aufgefallen, dass unser Weihnachtsmann immer ...wie soll ich
sagen ... saft- und kraftloser wird ... habt ihr eine Erklärung dafür?
"Na ja", sagte Gitti. "Er muss hier schon ran fürs Geld, ich meine nachts und
überhaupt. ..er ist ja schließlich ein Mann oder?" Sie blicke uns vielsagend
an und grinste.
"Eben, eben", sagte ich und seufzte leise auf. "Und da liegt die Wurzel allen übels.
Gitti schaute mich besorgt an. "Wurzel was?" fragte sie. "Na ja", sagte ich und
wedelte bedeutungsschwer mit meinem Ordner. "Professor Dr. Dr. Bollwege ist als
Verhaltensforscher und Ethnologe natürlich auch Weihnachtsmann-Kundler.
Melli nickte ergriffen. Titel ziehen immer bei ihr. "Ja," fuhr ich fort und blätterte
in meiner Mappe. "So eine Doppelbelastung ist bei einem Weihnachtsmanne natürlich
nicht ohne Folgen. Bis morgen mag vielleicht noch alles gut gehen..,aber dann..."
"Dann was?", fragte Melli alarmiert. "Ich will mein Geld zurück.", murmelte
Gitti. "Ruhig, Mädels", sagte ich. "Ihr habt doch eh nur bis morgen gebucht,
oder?" Die beiden nickten.
"Ja, bis dahin wird er es noch machen, sagt Bollwege. Dann allerdings tritt Menopause
ein." "Die was?", fragte Melli schockiert.
"Die Menopause des Weihnachtsmannes.", sagte ich freundlich. "Ich war ja auch vollkommen
unwissend, aber Bollwege war so freundlich, mir alles zu erklären. Vierzig
Wissenschaftler von höchstem Range arbeiten zur Zeit dran."
"An der Menopause? kreischte Gitti. "Nicht ganz", sage ich. "Ich erkläre es
euch: Der Mann ist biologisch-antropromorph nicht primär zum Weihnachtsmanne
erschaffen, laut Bollwege."
Melli und Gitti hingen an meinen Lippen, ich blätterte. "Nach einer Doppelbelastung
als Mann und Weihnachtsmann ... ihr vesteht ... treten bei ihm so etwas wie die
Wechseljahre ein. Wie bei Frauen, klar? Hitzewallungen, Schweißausbrüche,
Nervenflattern, Migräne ... wie es im Buche steht. Und dann..", ich machte
eine bedeutungsschwere Kunstpause und blätterte weiter. "Und dann?", flüsterte
Gitti.
"Dann kommt die Weihnachtsmann-Menopause, als Weihnachtsmann läuft es gut ...
aber als Mann ... tote Hose. Nix mehr im Sacke. Nix mehr mit Rute."
Ich klappte die Mappe zu. "Typisch", sagte Gitti. "Männer! Schwächlich,
verweichlicht, degeneriert, na gut, dass wir ihn morgen los sind." Und Melli fügte
hinzu: "Hätte ich eigentlich wissen müssen. Männer können halt
nicht so viel auf einmal. Ina, sieh zu, dass der auch wirklich verschwindet, ehe
das hier mit der Menopause losgeht."
Sie verließen mein Zimmer. Ich holte Rudi zu mir. Er entledigte sich des Rauschebartes,
des Haarnetzes und der übrigen Weihnachtsmannverkleidung. Zum Anbeißen
sah er aus. Seitdem sind Rudi und ich ein Paar. Ohne weißen Bart und roten
Mantel haben Gitti und Melli ihn nicht wiedererkannt. In Kürze wollen wir zusammenziehen.
Ich muss da raus, denn es ist bald Ostern.
Und da will Gitti sich einen Osterhasen ersteigern, mit Eiern und süßem
Schwänzchen und großen Ohren. Aber ohne mich ...
Manche Menschen gehen zum Arzt, wenn sie Langeweile haben, einmal wieder "Das silberne
Blatt" lesen wollen oder krank sind. Trulla, mein esoterisches Feindbild geht zum
Beispiel zum Doktor, weil sie sich in ihn verliebt hat.
Ich werde normalerweise nur krank an
a) Feiertagen
b) wenn ein Sonn- und Feiertag auf einen Tag fällt
c) wenn ein Sonn- und Feiertag auf einen Tag fällt und der Verkehr wegen Glatteises
zusammengebrochen ist.
Aus diesen und ähnlichen Gründen habe ich eine Affinität zum Notdienst.
Mein Leiden hieß Blasenentzündung. Es hat auch noch einen lateinischen
Namen, der mit itis endet. An einem Sonntagabend stellte ich fest, dass der Gang
zur Toilette nicht so neutral war wie üblich, sondern mir Schmerzen bereitete.
Da es bereits nach Mitternacht war, ließ ich meinen Freund, den Notdienst,
diesmal unbehelligt und suchte am Montag den Frauenarzt meines Vertrauens auf.
Immer wenn ich zu ihm gehe, muss ich mir als erstes überlegen, warum ich so
lange nicht da war und noch nicht zur Vorsorge und so weiter. Das letze Mal hatte
ich ihm gesagt, ich sei ein Jahr lang in Israel in einem Kibbuz gewesen. Diesmal
dachte ich an eine Weltreise, aber dann kriegte ich Angst, weil ich dachte, er könne
denken, ich sei wohlhabend geworden und mich privathonorarlich versorgen wollen
und mir keine kostenlosen Arztusterpackungen mehr schenken. Ich war die zweite an
diesem Morgen bei ihm. Ich entrichtete das Wegegeld, diesen 10-Euro-Ablass, so nach
dem Motto: Wenn das Geld in der Nierenschale klingt, der Doktor dir Genesung bringt.
Dann ließ ich mich zu einer Urinprobe herab, welche mir ein Antibiotikum einbrachte.
Ich ging damit nach Hause und nahm die erste Tablette schon auf dem Weg, weil ich
eine rasche Heilung wünschte. Zuhause folgte nun das, was meine Familie, wenn
es einige Stunden lang dauert mit: "Nimm sie vom Netz!" kommentiert: Ich suchte
in Internetforen, auf Wikipedia und so google und so weiter nach Symptomen, Komplikationen
und Infektionen. Drei Stunden später war ich der festen Meinung, diesen Tag
nicht überleben zu können.
Ich schrieb mein Testament neu und nahm die zweite Tablette. Am Abend verschlimmerten
sich meine Symptome erheblich. Ich war nicht einmal mehr in der Lage, das Internet
zu befragen sondern rief die urologische Abteilung der Hochschule an. Der diensthabende
Arzt war sehr nett.
Er sagte , so schnell könnten die Tabletten nicht wirken und es könne
sein, dass sie überhaupt nicht wirkten, sondern man mich stationär an
einen Tropf hängen müsse. Ich könne also jederzeit, auch des Nachts,
gern vorbeikommen. Allerdings hätten sie kein Bett mehr frei, man würde
mich aber schon irgendwo unterbringen. Ansonsten empfahl er mir, am nächsten
Tag einen Urologen meines Vertrauens aufzusuchen.
Ich bedankte mich und legte mich ins Bett. Immer, wenn ich gerade einschlafen wollte,
musste ich zum Klo. Mein Partner wurde jedes Mal wach und immer besorgter um mich,
was dazu führte, dass ich bei jedem Klogang : "Es ist schon besser, es ist
alles in Ordnung, mach dir keine Sorgen.", wimmerte.
Am nächsten Morgen suchte ich im Branchenbuch nach einem Urologen in meiner
Nähe. Hier teilte mir die freundliche Sprechstundenhilfe mit, dass frühestens
in 10 Tagen ein Termin für mich frei sei. Ich legte den Hörer auf und
sagte meinem Partner, dass man mich medizinisch nicht versorgen wolle. Er schlug
vor, nochmal beim Krankenhaus anzurufen. Dort sagte man mir, ich könne auch
als ambulanter Notfall behandelt werden. Ich packte eine Notfalltasche für
alle Fälle mit Erich Kästner, Ohrenstöpseln, Schreibpapier und einem
Kuscheltier ein und ließ mich in die Klinik fahren.
Dort wurde ich von der Ambulanz mit einem Fragebogen in die Aufnahme geschickt und
von dort mit dem ausgefüllten Fragebogen und einem Computerausdruck zur Urinprobe
und dann ins Wartezimmer. Ich machte mich auf längere Wartezeit gefasst, griff
nach meinem Schreibpapier und dachte an den Roman, den ich schon lange zu Papier
zu bringen wollte. Doch ich hatte kaum den ersten Absatz beendet, da wurde ich gerufen.
Ich drückte meinem Partner den Papierpacken in den Arm (er hatte schon meine
Tasche, meinen Mantel und das Kuscheltier auf dem Schoß ,weil ich im Krankenhaus
immer so eine Angst vor Keimen habe und nichts auf den Boden tun mag) und suchte
das Sprechzimmer Nummer drei.
Mein unausgeprägter Orientierungssinn ließ mich vor der Tür der
Intensivstation stranden. Ein Grüngekleideter sah mich finster durch die Glastür
an. Ich floh und fand das besagte Zimmer hinten rechts. Eine reichlich übernächtigte
ärztin ließ sich meine Symptome schildern und überprüfte dabei
ihre Fingernägel und den ärmelsaum ihres ehemals weißen Kittels
mit den Worten: "Drei Nägel abgebrochen und diese Wäscherei schlampt auch
immer mehr." Dann wandte sie sich mir zu und erklärte mir die Beschaffenheit
meines Urins, sagte, ich solle das Mittel weiternehmen und könne wieder nach
Hause gehen, aber wenn es schlimmer werde, dürfe ich jederzeit wiederkommen.
Ansonsten solle ich mir einen Termin für eine Nachuntersuchung in zehn Tagen
geben lassen.
Zu Hause erwarteten mich 34 e-mails aus den 15 ärzte-Foren, in denen ich Beistand
gesucht hatte. Einige Tage später ließen meine Schmerzen nach, nur das
Antibiotikum wummerte in meinen Eingeweiden. Zehn Tage später fuhr ich wieder
in die Klinik. Den Weg in die Urologie fand ich nun fast von selber. Da es das letze
Mal so schnell gegangen war, hatte ich weder was zum Schreiben noch zum Lesen dabei.
Im Warteraum saßen 12 Männer und eine Frau. Die Frau sagte mir gleich,
dass sie seit einer Stunde und 10 Minuten warte. Dem nächsteintreffenden Mann
sagte sie dann, sie warte seit einer Stunde und zwölf Minuten.
Ich gab meine obligatorische Urinprobe ab und guckte dann in den Ständer mit
Zeitungen. Dort standen kleine farbige Broschüren mit Titeln wie: "Die Prostata
und ihre Leiden" - "Mit der Prostata auf du und du" -"Deine Prostata, das unbekannte
Wesen". Ich nahm mir alles und vertiefte mich in männliche Harnwege. Als ich
einmal aufsah, meinte ich, in den Mienen der Männer Unbehagen, verhaltenen
ärger und sogar offenen Feindseligkeit zu spüren. Satzfetzen wie "Jetzt
wollen die Emanzen uns auch noch das letzte nehmen", schlugen mir entgegen.
Ich stellte die versammelte Prostata zurück und fand eine unverfängliche
Broschüre über Beckenbodengymnastik. Die riss ich mir unter den Nagel
und probierte einige der Atemübungen gleich aus. Die Blicke wurden nicht besser.
Ein Paar betrat den Raum, ich ließ den Beckenboden sinken und wurde Zeuge
folgender Unterhaltung: "Sag die Doktors nicht, wasse dir am Stammtisch für
Pillen gegeben haben, Rudolf, mach des bloß nicht!"
"Die Pillen warn gut. Der Edi hat sie auch genommen." "Ja, aber auf Rezept für
Edi und nicht für dich, Rudolf. Die warn verschreibungspflichtig. Ich sach
dir: Sach die Doktors nix." "Die Doktors finden alles raus. Da brauch ich nix sagen."
Dann wurde ich in den Behandlungsraum gerufen, wo man mir meine Genesung mit Rückfallgefahr
mitteilte. Ich erhielt einen Arztbrief für den behandelnden Urologen. Dort
wollte ich auch gerne hin. Zwei Tage später ereilte mich eine heftige Virusgrippe.
Den Internetforen konnte ich entnehmen, dass diese zur Zeit umginge. Eine Woche
fieberte ich, eine weitere schnupfte und eine hustete ich. Dazwischen änderte
ich mein Testament.